Gepostet von am 16. Oktober 2008 in kurzgeschichten | Keine Kommentare


Die Hinrichtung

Ja, hier stehe ich nun. Angeklagt, das Gesetz gebrochen zu haben.

Das Gesetz.

Hoch über den Köpfen der Menschen stehe ich, auf einer eigens für mich errichteten Bühne. Damit es auch alle sehen können. Die Menschen hier auf dem Platz und die Fernsehkameras.
Mich, den Gesetzlosen. Nein, nicht mich wollen sie sehen, sondern meine Hinrichtung. Sie müssen sie sehen, wollten sie nicht selbst an dieser Stelle stehen.
Mein Blick geht über die Menschenmenge. Ihre Augen sind kalt und leer, graue Menschen, tote Menschen. Ich denke "Wer von uns lebt eigentlich noch, die oder ich? Sind das wirklich tote Menschen?"

Der völlig in schwarz gekleidete Richter schreckt mich aus meinen Gedanken und ich bekomme nur noch den Rest seiner Worte mit. "……das Gesetz unseres großen Führers gebrochen hat und andere in aufrührerischer Weise dazu gebracht hat, das Gesetz ebenfalls zu brechen. Der Verurteilte ist daher von der Gemeinschaft für immer zu isolieren. Daher lautet das Urteil: Tod! Tod durch die Guillotine!"
Mit hartem Griff legt der Henker meinen Kopf in die dafür vorgesehene Aussparung.
"Es ist lange her, dass jemand hingerichtet wurde.", sagte der Henker leise zu mir, "Ich werde alles langsam, aber gewissenhaft machen. Es muss doch alles reibungslos funktionieren."
"Ja", sagte ich, "schließlich soll sich der Stahl doch nicht kurz vor meinen Hals verhaken. Es wäre doch entsetzlich für das Publikum, um ihr Vergnügen gebracht zu werden."
Einen Augenblick lang kommt der Henker ins Stocken, fährt aber sogleich in alter Gewohnheit mit seiner Arbeit fort. Dann ist er fertig und der kalte, scharfe Stahl in seiner Ausgangsposition. Aus den Augenwinkeln sehe ich, wie er die Hand um den Auslösehebel legt und auf ein Zeichen wartet. Erst jetzt wird mir bewusst, wie still es geworden ist. Dann kommt das Zeichen und nichts kann den Fall des Stahls mehr aufhalten.

 

Das Bild

Es regnete in Strömen und ich überlegte, ob ich nicht einige Abkürzungen durch etwas dunklere Seitenstraßen nehmen sollte, als den sonst üblichen Weg nach Hause. Es war gefährlich, man sagte, dass dort Gesetzlose ihr Unwesen trieben. Zudem war es ziemlich stürmisch, der auch gleich meine Besorgnis wegwehte und so beschloss ich, die Abkürzung zu nehmen. Ich blickte mich immer wieder um. Es war nichts zu sehen und doch spürte ich, dass ich beobachtet werde. Ein Windstoss fegte ein halb durchnässtes Stück Zeitung an mein Hosenbein. Ich bückte mich um es abzumachen und wegzuwerfen, als ich darin ein Bild sah. "Wieder so ein Gesetzloser", dachte ich, "über den die ganze Welt berichtete."
Merkwürdig, man hatte in letzter Zeit keine Liveübertragung der Isolation gesehen. Also sah ich auf das Datum der Zeitung und sagte leise zu mir "Es liegt vierzig Jahre zurück und diese Zeitung gibt es heute gar nicht mehr." Also faltete ich dieses Stück Papier behutsam zusammen, ohne es zu zerreißen, und nahm es mit nach Hause. Dort angekommen, breitete ich die Zeitung auseinander um sie zu trocknen. Erst jetzt konnte ich mir das Bild genauer ansehen. Ein Mann und seine Frau war darauf abgebildet.
"Seit über dreißig Jahren helfen sie den Armen mit Nahrung und Medikamenten. Ihnen wird deshalb…………….verliehen."
Plötzlich hörte ich mich selbst reden. "Für ihre Hilfe werden sie ausgezeichnet? Aber wenn sie keine Gesetzlosen sind, wer sind sie dann? Kann es sein, dass es früher doch anders war? War das Gesetz dann doch nicht so alt, wie es unser Führer und die schwarzen Männer an seiner Seite immer im Fernsehen sagen?" Fragen über Fragen. Mir lief ein kalter Schauer über den Rücken und ein einziges Wort schoss mir in den Sinn: Hochverrat. Dafür könnte ich meinen Kopf verlieren, wie so viele vor mir. Trotzdem beschloss ich Nachforschungen über diese Zeitung anzustellen.
Als ich später in der Bibliothek nachfragte, sagte eine strenge, fast männlich wirkende Bibliothekarin "Diese Zeitung gibt es nicht mehr, sie wurde von unserem großen Führer verboten. Politisch subversiv, nicht führertreu und zweifelte ständig die Politik unseres großen Führers an. Sie stritt für die sogenannte 'Pressefreiheit' und verbreitete volksverhetzende Artikel. Die Verantwortlichen dieser Zeitung wurden öffentlich von der Gemeinschaft isoliert. Meiner Meinung nach war das die einzige Lösung dieses Problems, dem Führer sei Dank."
Ich nickte und wollte schon gehen, als mich diese Person in einem scharfen Ton anfuhr. "Sie wissen, dass ich Ihr Interesse an dieser verbotenen Zeitung an meinen Vorgesetzten weitermelden muss oder haben sie eine spezielle Vollmacht vom Ministerium für ideologische Angelegenheiten?"
"Verdammt, daran hab ich überhaupt nicht gedacht."
Ich winkte sie mit dem Finger ganz dicht an mich heran, blickte nach allen Seiten, als könnte uns jemand beobachten und sagte dann leise zu ihr "Nein, ich habe keine Vollmacht. Wenn man verdeckt für unseren großen Führer ermittelt braucht man keine Vollmacht, sonst wäre es ja keine verdeckte Ermittlung mehr. Sie haben mir trotzdem sehr weitergeholfen und ich werde Sie lobend beim Führer erwähnen, aber das bleibt unter uns. Verstanden!"
Sie blickte sich um und verschloss symbolisch mit den Fingern ihren Mund.
"Noch mal Glück gehabt.", dachte ich, "Nächstes mal muss ich vorsichtiger sein." Von jetzt an beschloss ich nur noch die Seitenstraße zu nehmen, immer in der Hoffnung auf einen dieser Gesetzlosen zu treffen.
Mehrere Wochen passierte nichts und meine Hoffnung sank langsam auf den Nullpunkt, als plötzlich jemand aus einer dunklen Ecke sprang. Er hatte ein Messer in der Hand, mit dem er mich auf Abstand hielt. Um ehrlich zu sein spürte ich auch nicht das Verlangen dichter an ihn heranzutreten, er stank wie die Pest.
Jetzt begann er zu grinsen, sein ganzes Gesicht verzog sich zu einer Grimasse. Ich war mir sicher, er war ein Gesetzloser.
"Warum schleichst Du seit Wochen hier herum, bist Du ein Spion des 'großen Führers', wie ihr ihn zu nennen pflegt?", er lachte und das Lachen wurde stärker, als aus den dunklen Winkeln dieser Gasse noch mehr Gesetzlose auftauchten.
"Nein", sagte ich, "aber ich kann Eure Hilfe brauchen."
"Ah, er kann unsere Hilfe brauchen, wie können wir denn zu Diensten sein?", jetzt krümmte er sich vor lachen. Mir wurde heiß und kalt, den Blick immer auf das Messer gerichtet. Innerlich fluchte ich "Warum hab ich mich darauf eingelassen. Meine Neugierde bringt mich noch ins Grab und das vielleicht heute schon."
Er steckte das Messer ein und sagte, dass ich mitkommen solle, was ich auch tat, obwohl mir immer noch etwas mulmig dabei war. Wir gingen eine Weile durch verwinkelte Gänge und durch Abwasserkanäle, als wir nach etwa einer halben Stunde einen kleinen, mit spärlichem Licht beleuchteten Raum erreichten, der voll von diesen Leuten war.
"Mein Gott", sagte ich leise, "was für ein Gestank."
"Wenn man jahrelang in der Kloake Eures Führers lebt, gewöhnt man sich daran, wir riechen diesen Gestank nicht mehr." Das war die Antwort und ich bekam einen roten Kopf.
"Ich bin Max und wie kann ich Dir helfen, Du Gesetzestreuer?"
Ich zeigte ihm die Zeitung und fragte "Wie war es vor dem Gesetz? Ist das Gesetz wirklich so alt, wie es der Führer sagt?"
"Langsam, langsam, was kriegen wir dafür?"
"Was wollt ihr?"
"Lebensmittel für meine Leute."
"Gut, besorge ich."
Er brachte mich zum Ausgang. Es war eine Wohltat wieder frische Luft zu atmen.
In dieser Nacht hatte ich einen unruhigen Schlaf. Mir schossen fortwährend die Gesichter dieser armseligen Menschen durch den Kopf. Ich machte mir Sorgen. Am nächsten Tag war ich zur selben Zeit am selben Ort mit einem Rucksack voller Lebensmittel und meiner kleinen Hausapotheke. Er kam und führte mich wieder zu diesem Raum. Nachdem er sich bedankte und den Rucksack weiterreichte, begann er zu erzählen "Früher, als unsere Ältesten noch jung waren, da gab es dieses Gesetz noch nicht. Aber erst seitdem Euer großer Führer an der Macht ist und die Politik dieser Welt bestimmt, wurde dieses grauenvolle Gesetz erlassen. Er sagte 'Das Gesetz ist so alt wie die Menschheit, doch niemand hat es befolgt. Die Menschen gaben sich den Vergnügungen der Muse und der Kreativität hin, der Fröhlichkeit und der Freundschaft, helfen sich gegenseitig und den schwächsten, den ärmsten dieser Gesellschaft. Nur die stärksten werden überleben, für mitfühlende Menschen ist kein Platz in dieser Gesellschaft. Einer gibt die Richtung vor und alle folgen mit absolutem Gehorsam. Wenn ich Aufständische aus der Gemeinschaft isoliere, dann nur zum Wohle unseres Volkes und wenn wir Raum und Land brauchen, dann nehmen wir es uns. Wer nicht für uns ist, ist gegen uns und der wird von vornherein aus der Gemeinschaft isoliert. Niemand hat meine Entscheidung, die Entscheidung des Führers dieser Welt, anzuzweifeln.' "Alles Quatsch und gequirlter Blödsinn.", sagte er und hielt mir ein ausgerissenen Fetzen Zeitung vor's Gesicht, das er Wort für Wort zitiert hatte. Dann erzählte er weiter, "Als es dieses Gesetz noch nicht gab, waren die Menschen viel freundlicher und fröhlicher, das Leben machte Spaß. Jeder war auf seine Weise kreativ, die Menschen hatten…..äh"
"Persönlichkeit?", sagte ich, "Ja, genau. Sie hatten Persönlichkeit. Sieh Dir die Menschen heute an, sie befolgen Befehle, sie denken nicht, entwickelt keine eigene Initiative, alles wird ihnen vorgekaut. Sie müssen nur noch schlucken. Widerwärtig ist das. Und wehe einer schlägt aus der Art, dann wird er aus der 'Gemeinschaft isoliert'. Eine geniale Bezeichnung für Umbringen, Töten oder um es einfacher auszudrücken:

Mord!

Wir leben schon seit Jahren hier unten in den dunklen Gängen und Abwasserkanälen dieser Stadt. Hier trauen sich diese willenlosen Büttel des Führers nicht her, hier unten sind wir die Mächtigen."
"Wieviele seid Ihr?"
"Viele, sehr viele und nicht nur hier in dieser Stadt. Und davor fürchten sie sich. Es werden ständig mehr, viele haben das 'gesetzestreue' Leben da oben satt und ziehen es vor, hier im Untergrund zu leben. Sie ziehen ein Leben im Gestank vor, wobei es natürlich Ansichtssache ist, wo es mehr stinkt. Hier unten oder da oben. Einige haben wir auch vor der 'Isolation' gerettet. Zack waren wir da und haben sie mitgenommen, ehe die begriffen haben was passiert ist, waren wir auch schon wieder weg."
Mit einem Schmunzeln sagte er "Die mussten wohl erst auf die Befehle warten und die kamen wahrscheinlich von ganz weit oben." Dann sprach er weiter "Natürlich jagen sie uns, versuchen uns aus unseren Verstecken herauszulocken, aber wir sind schlau und kennen die Tricks mit denen sie vorgehen. Dich haben wir auch genau beobachtet, sonst würden wir heute nicht miteinander reden. Wahrscheinlich hätte ich Dir dann damals schon das Messer zwischen die Rippen gejagt."
"Da bin ich aber froh, dass Ihr gute Beobachter seid." sagte ich erleichtert. Er nickte nur und redete weiter "Wir wissen wo Du wohnst, wo Du arbeitest und wie Du heißt. Ja, ja, wir sind nicht dumm. Aber hin und wieder gelingt es ihnen einige von uns zu fangen."
"Was machen sie mit den Gefangenen?"
"Kannst Du Dir das nicht denken. Sie werden gefoltert und gequält, um von ihnen Informationen zu erhalten. Uns zu verraten. Manche geben diesen Schmerzen nach. Ich glaube nicht, dass ich solche Qualen aushalten würde, Du etwa?"
"Nein."
"Wenn Du noch mehr wissen willst, dann musst Du unseren Ältesten fragen. Er kennt noch die andere Zeit. Komm, ich mache Dich mit ihm bekannt."
Wir gingen tiefer in den Raum hinein. In einer dunklen Ecke konnte man schemenhaft sein zerfurchtes Gesicht erkennen. "Die Dunkelheit hat ihn blind gemacht, aber dafür sind seine Erinnerungen um so heller."
"Was macht so ein gesetzestreuer Mensch wie Du zwischen all diesen Gesetzlosen?", der Alte lachte.
Ich konnte mir das Schmunzeln nicht verkneifen und antwortete "Fragen stellen, unbequeme Fragen stellen."
"Unbequem sind die Fragen nur für die, die darauf keine Antwort wissen, so wie dieser Führer da oben."
"Ja", sagte ich, "ich will endlich wissen was vor dem Gesetz war. Ich fange nämlich langsam daran zu zweifeln an, ob das wirklich auch mein Gesetz ist."
"Du bist auf dem richtigen Weg und ich will Dich nicht dumm sterben lassen."
"Erst wollt Ihr mir alles erzählen und anschließend wollt Ihr mich doch umbringen?"
"Nein, nein.", sagte der Alte, "das ist so eine Redensart aus der Zeit vor dem Gesetz." Ich war beruhigt und dann fing der alte Mann zu erzählen an. "Damals, vor dem Gesetz, so etwa vor vierzig Jahren, ich war um die fünfzig, war Freundschaft und Hilfsbereitschaft noch etwas ganz normales unter den Menschen. Wir lachten, waren fröhlich und haben gemeinsam mit unseren Familien etwas unternommen, zum Beispiel den Geburtstag unserer Kinder gefeiert. Es gab auch Menschen, denen es nicht so gut ging. Sie hungerten und hatten nichts. Ihnen haben wir geholfen, meine Frau und ich. Viele Jahre lang. Wir haben viele Menschen motiviert mitzuhelfen." Der alte Mann griff nach einer kleinen Kiste und kramte darin. Er zog ein paar vergilbte, mit Wasserflecken gezeichnete Fotos heraus. Ich sah sie mir an. Die Leute auf den Fotos tanzten und feierten.
"Das war am Tag der Auszeichnung. Auch die Zeitung berichtete darüber. Unsere Arbeit war also nicht umsonst gewesen."
Ich zog den Zeitungsartikel aus der Tasche und nannte ihm den Namen der Zeitung.
"Ja, genau. Diese Zeitung hat darüber berichtet. Aber woher weißt Du das. Diese Zeitung gibt es nicht mehr."
"Ich habe diesen Zeitungsfetzen auf der Straße gefunden. Darauf sind Sie mit Ihrer Frau abgebildet."
"Zu der Zeit war die Welt noch in Ordnung, aber dann, einige Wochen später, gab es einen Militärputsch und die Welt versank in Chaos und Anarchie. Anschließend wurde das Gesetz erlassen. Viele tausend Menschen protestierten dagegen. Sie wurden alle umgebracht. Niemand hat dieses entsetzliche Grauen überlebt. Meine Frau war auch darunter. Ich beschloss in den Untergrund zu gehen und alles so gut wie möglich zu koordinieren. Den Widerstand, verstehst Du."
"Ja."
"Aber viele Gruppen wurden entdeckt und verhaftet. Sie wurden öffentlich auf Massenhinrichtungen umgebracht. Es war grausam. Dieses Blutbad wurde, auf Anordnung des Führers, weltweit im Fernsehen übertragen. Über zehntausend Menschen. Die Hinrichtung dauerte drei Tage lang."
Alle im Raum hatten dem alten Mann zugehört und schwiege. Ich fragte leise "Hat es seitdem wieder einen Aufstand gegeben?"
"Nein, seid dieser Massenhinrichtung nicht mehr. Zu groß ist dieser Schock und die Angst, so etwas noch einmal zu erleben. Die Angst ist groß geworden. Sie lähmt jeden Versuch, Widerstand zu zeigen."
"Auch ich habe Angst.", sagte ich zum Alten, "Es wird Zeit unser Schicksal in unsere eigenen Hände zu nehmen. Ich werde etwas dagegen unternehmen, damit dieses verfluchte Gesetz und der Führer abgeschafft werden." Ich bemerkte wie Unruhe, aber auch Begeisterung, die Menschen in diesem Raum erfassten. Mit diesen neuen Eindrücken verließ ich sie und ging nach Hause.

 

Der Krieg

Ich pendelte wochenlang zwischen meiner Wohnung, meiner Arbeit und diesen Leuten hin und her. Wir erzählten uns die Neuigkeiten vom Tage und schmiedeten Pläne für die Zukunft nach dem Gesetz. Dann erschütterte uns eines Tages eine Meldung im Fernsehen und holte uns jäh in die Realität zurück.
Der Führer hatte beschlossen seine Macht und sein Land weiter auszubauen. Mit seiner Armee wollte er eine kleine Nation erobern und den Menschen wie er sagte "Das Gesetz bringen und vom Übel der Menschlichkeit erlösen."
"Mein Gott", dachte ich, "jetzt spielt er sich noch als Erlöser auf. Das ist doch zum kotzen."
Diese Meldung fand unter den gesetzestreuen Menschen volle Begeisterung. Sie wurden fast hysterisch. Es bedeutete nichts anderes als:

Krieg.

Das Fernsehen berichtet von nun an täglich von den Kriegsschauplätzen und von den Massenhinrichtungen. Diese Sendungen wurden auf riesigen Leinwänden übertragen und jeder musste, staatlich angeordnet, diese täglich ansehen. Mir wurde schlecht dabei.
Außerdem hatte ich das Gefühl, dass das Treiben auf den Straßen noch hektischer und das die Spione noch gezielter nach Gesetzlosen Ausschau hielten. Daher beschloss ich, mich vorerst nicht mit ihnen zu treffen, um sie und mich nicht weiter in Gefahr zu bringen. Später, als die Unruhen nachließen, traf ich mich wieder mit ihnen. Dann diskutierten wir über den Krieg und die Menschen, die ihm zum Opfer gefallen waren und jene, die ihn mit blinden Gehorsam durchführten. Es war ein Blitzangriff und dieses kleine Land hatte nicht den Hauch einer Chance. Die Politischen Führer wurden noch an Ort und Stelle exekutiert, um so jeden Gedanken an einen Widerstand sofort im Keim zu ersticken. Wieder gingen zahlreiche Menschen in den Untergrund.
Auch unter den Gesetzestreuen regte sich langsam Unmut über den Angriff. Um die Situation in den Griff zu bekommen, beschloss der Führer, auf jeden Gesetzlosen ein Kopfgeld auszusetzen. Jetzt begann eine gnadenlose Jagd auf alles, was verdächtig erschien. Überall lauerten Spione und dubiose Gestalten, die zuerst schossen und dann Fragen stellten. Es spielte keine Rolle, ob dabei ein gesetzestreuer Bürger umkam oder nicht. Sie waren wie im Blutrausch, nichts konnte sie stoppen. Dabei musste ich aufpassen, nicht selbst in die Schusslinie dieser Irren zu geraten. Trotzdem setzte ich meine heimliche Treffen fort. Als Max mir sagte "Wir haben zu anderen Gruppen Kontakt aufgenommen. Sie meinen es wäre Zeit loszuschlagen. Wie denkst Du darüber?"
So kann es nicht mehr weitergehen und ich glaube auch das wir zuschlagen sollten, aber der Zeitpunkt ist noch nicht günstig. Zuerst müssen wir so viele Kontakte wie möglich aufbauen, mit vielen Gruppen. Je mehr um so besser. Dann müssen wir wissen wieviele wir sind und wir müssen ein Zeichen ausmachen, wann wir losschlagen sollen. Es müssen alle verstehen, weltweit. Verstehst Du. Es darf keine Pleite werden, denn das bedeutet den sicheren Tod vieler Menschen! Der Widerstand wäre dann endgültig vorbei. Das Blutbad wäre entsetzlich.
"Ja, genau", sagte Max und auch die anderen stimmten mir zu. Wir begannen in den nächsten Wochen die Gruppen nach Personenanzahl und Gebiete systematisch zu erfassen.
"Hättest Du geglaubt, dass es so viele sind?", fragte ich Max.
"Nein", sagte er, "aber für einen großen, fast weltweiten Aufstand sind es immer noch zu wenig."
"Aber es werden täglich mehr. Sieh Dir die Zahlen der letzten Woche an, erst ein paar Gruppen und jetzt überschlagen sich die Zahlen förmlich. Max ich glaube das wird ein gewaltiger Aufstand."
"Das glaube ich auch."
Und so verging ein ganzer Monat und zum Schluss hatten wir zu mehr oder weniger zwei Millionen Aufständischen Kontakt, die nur noch auf ein Zeichen von uns warteten. Eine gute Ausgangsbasis für eine Kampf. Was uns jetzt noch fehlte war der Zeitpunkt unseres Aufstands.
"Max", sagte ich, "jede Gruppe sollte einen Anführer haben, eine Person, mit der wir den Aufstand koordinieren können."
"Ich weiß, ohne einen Anführer entsteht nur ein heilloses Durcheinander, es könnte uns alles aus den Händen gleiten."
"Wie sollen wir das machen?", fragte ich Max, der mich genauso ratlos ansah, wie ich ihn.
"Ganz demokratisch", sprach eine Stimme aus der Ecke. Es war der alte Mann. "Ganz demokratisch, wie zur Zeit vor dem Gesetz."
Auf diese Weise wählte jede Gruppe ihren Anführer.
"Und wer soll den großen Aufstand leiten, Sie in den Kampf führen?", fragte der alte Mann.
"Du", sagte Max, "Du bist der Älteste von uns, Du hast die meiste Erfahrung und Du kennst die Zeit vor dem Gesetz. Alle vertrauen Dir."
"Aber wie soll ich Euch führen, ich bin ein blinder, alter Mann. Für einen Aufstand viel zu langsam. Noch bevor ich oben auf der Straße stehe ist alles vorbei."
"Hmm….", überlegte Max und sah schließlich ein, dass dieser Gedanke zwar ehrenwert und gut gemeint war, aber uns trotzdem nicht weiterbrachte. Im Raum herrschte Schweigen, bis der alte Mann die Ruhe durchbrach.
"Du sollst den Aufstand führen."
"Ich?"
"Ja Du!"
"Aber ich, ich habe noch nie einen Aufstand geführt. Ich kenne mich ja kaum mit Menschen aus und ……..äh. Was, wenn ich verhaftet werden sollte und wenn…."
Noch bevor ich meinen Satz zu Ende sprechen konnte, viel mir Max ins Wort und sagte "Ich glaube Du wirst den Aufstand schon schaukeln."
Auf seinem Gesicht war ein breites Grinsen zu sehen. Innerhalb weniger Tage machte diese Nachricht die Runde und alle waren einverstanden.
Als ich zu Hause war, wurde mir schlagartig klar, welch große Verantwortung mir übertragen worden war. Ich wollte diese Menschen auf keinen Fall enttäuschen.

 

Der Aufstand

Plötzlich wurde ich aus meinen Schlaf gerissen. Wer in aller Welt will so früh was von mir? Es wird doch nichts unvorhergesehenes passiert sein? Ich machte mir Sorgen. Als ich die Tür öffnete, standen vier, mit schwarzen Ledermänteln bekleidete, Männer vor mir. Hinter diesen Männern hörte ich eine Stimme die mir irgendwie bekannt vorkam. Sie stieß die Männer beiseite und zeigte mit dem Finger auf mich. Sie krächzte laut "Das ist der Kerl, ja genau, das ist er. Hat sich nach dieser verbotenen Zeitung erkundigt und sich als verdeckter Ermittler unseres großen Führers ausgegeben. Hab ich doch gleich gemerkt, dass da was faul ist. Dieser Mann muss isoliert werden!"
Die Männer legten mir Handschellen an und nahmen mich mit zum Verhör. Ich saß auf einen Stuhl, mit dem Rücken zur Wand. Vor mir ein Tisch und links und rechts davon zwei große Scheinwerfer. Sie waren so grell, dass ich ihre Wärme in meinem Gesicht spürte. Was hinter den Scheinwerfern lag, wurde durch einen Vorhang aus Licht verdeckt. Schweiß lief mir von der Stirn. Vor Hitze oder Angst, ich weiß es nicht.
"Warum haben Sie sich nach dieser verbotenen Zeitung erkundigt?", fragte eine unsichtbare, tiefe Stimme im Raum.
"Ich fand das Stück Zeitung auf der Straße und wollte mich genauer informieren.", sagte ich zögernd.
"Das glauben Sie doch selbst nicht. Wollen wohl schlauer sein als unser großer Führer, aber nichts da, unser Führer ist schlauer als wir alle hier zusammen. Wäre er sonst unser Führer. Er weiß was gut und was schlecht für uns ist. Sie hätten diesen Vorfall sofort melden müssen, dass mein Freund, wäre Ihre oberste Pflicht gegenüber dem Führer gewesen. Aber nein, unser schlauer Freund muss unbedingt Fragen stellen, subversive Fragen. Mensch wo leben Sie eigentlich, hinterm Mond oder was? Da können wir ja froh sein, dass uns diese gesetzestreue Volksgenossin davon in Kenntnis gesetzt hat, um Sie rechtzeitig aus dem Verkehr zu ziehen. Vielleicht haben Sie ja noch andere gesetzestreue Volksgenossen mit Ihrem Irrglauben infiziert. Aber ich werde dieses infizierte Geschwür mit seiner Wurzel aus Ihnen herausreißen, seien Sie sich dessen gewiss. Sie sollten uns am besten gleich mitteilen, wen Sie noch davon berichtet haben. Auf diese Weise können Sie sich viele Qualen ersparen. Wenn wir mit Ihnen fertig sind, werden Sie singen wie ein Vögelchen und uns am Ende danken, Sie wieder auf den rechten Weg gebracht zu haben."
"Ich habe keinem davon erzählt. Ich habe es für mich behalten."
"Und warum gehen Sie seit Wochen durch dunkle Seitenstraßen, von denen Sie genau wissen, dass dort diese minderwertigen Gesetzlosen hausen. Sie haben doch etwas zu verbergen. Halten Sie uns nicht für blöd. Sagen uns die Namen und Sie können nach Hause gehen."
"Aber ich habe doch nur eine Abkürzung genommen. So komme ich schneller zur Arbeit und wieder zurück nach Hause."
Er sprang auf und der Stuhl auf dem er saß, fiel polternd zu Boden. "Mann, für wen halten Sie sich eigentlich, ich habe das Gefühl, Sie verarschen uns hier nach Strich und Faden. Stellen Sie etwa unseren großen Führer in Frage und alles was er für uns getan hat. Diese Fragen die Sie gestellt haben werden Ihnen den Kopf kosten, wissen Sie das."
"Was hat denn der Führer für Sie getan? Außer diesen beschissenen Job haben Sie doch nichts weiter. Haben Sie Kinder?"
Einen Moment lang ist es still. Dann schickt er die beiden Männer, die unscheinbar und schweigend die ganze Zeit an der Tür gestanden haben, hinaus.
"Ja", sagte er, "einen Sohn."
"Wie alt ist er?"
"Fünfzehn."
"Wollten Sie nur ein Kind haben?"
"Sie wissen genau, dass der Führer es verboten hat, mehr als ein Kind zu haben. Was soll diese Fragerei?"
"Es ist doch Ihre Entscheidung, wieviele Kinder Sie haben wollen. Warum lassen Sie sich das gefallen? Meinen Sie nicht, dass Ihr Sohn eine bessere Welt verdient, als diese? Wenn er später Erwachsen ist endet er als Kanonenfutter für Deinen Führer, um in sinnlose Kriege zu ziehen und zu sterben."
"Hören Sie endlich mit dieser Fragerei auf!"
"Wie oft haben Sie mit Ihrem Sohn Geburtstag gefeiert oder sind zusammen Angeln gewesen?"
"Solche Dinge sind vom Führer strengstens verboten worden."
"Warum? Vielleicht aus Angst."
"Weil es der Führer mit dem Gesetz so angeordnet hat!"
"Ist das wirklich Dein Gesetz?"
"Genug jetzt, nennen Sie uns die Namen! Ich weiß, dass Sie mehr wissen, als Sie zugeben wollen. Bis jetzt habe ich sie alle zum Reden gebracht."
"Dann werden Sie heute Ihre erste Niederlage erleben." Er rief die beiden Männer herein und sagte etwas zu ihnen. Ein Fausthieb schlug mich mit samt dem Stuhl zu Boden. Ich schmeckte das Blut in meinem Mund und ich bemerkte das ein Zahn fehlte.
Er sagte "Nennen Sie die Namen!"
Ich antwortete "Sind Sie glücklich?"
Ein weiterer Faustschlag folgte, diesmal ein Leberhaken. Ich rang nach Luft.
Er schrie "Ich will endlich die Namen."
Ich grinste ihn an und sagt "Weiß Ihr Sohn eigentlich, womit Sie Ihr Geld verdienen?"
Er war rasend vor Wut. Dann brüllte er, so dass sich seine Stimme überschlug "Ich werde jeden einzelnen Namen aus diesem gesetzlosen Schwein rausprügeln, bis er Blut kotzt."
Wieder ein Schlag. Mir wurde schwarz vor Augen, dann verlor ich das Bewusstsein. In einer kleinen, feuchten Zelle kam ich wieder zu mir.
"Jetzt bin ich ein Gesetzloser.", dachte ich, als die Tür aufgerissen wurde. Ein großer, breiter Mann mit blonden Haaren trat herein und sprach mit monotoner Stimme "Du wirst morgen von der Gemeinschaft isoliert."
"Bist Du glücklich?", fragte ich, bevor die schwere Eisentür der Zelle wieder ins Schloss fiel. In diesen paar Stunden wurde mir klar, was Freunde sind. Sie haben mir die Augen geöffnet, um für eine bessere Welt zu kämpfen. Ich hoffe nur, dass sie den Aufstand auch ohne mich durchziehen und das er gelingen wird. Die Tür ging auf. Jetzt war es soweit.
Ja, hier knie ich nun. Ich werde hingerichtet, weil ich das Gesetz gebrochen habe. Dieses scheinheilige Gesetz. Jenes Gesetz, das die

MENSCHLICHKEIT

verbietet. Ich blicke in die Menschenmenge, die immer unruhiger wird. Ich sehe auch meine Freunde, die Gesetzlosen, darunter. Vereinzelte Protestrufe sind zu hören, Schreie werden laut. Jetzt steht auch der Zeitpunkt unumstößlich fest. Der Aufstand ist nicht mehr aufzuhalten. Millionenfach stärker als früher und kein Führer kann ihn mehr stoppen.

Zum Henker sage ich "Es war nicht umsonst."

Dann spüre ich den kalten Stahl.

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Autorfoto
Oliver Konow
Ich bin 51 und beruflich dem Hochgeschwindigkeitsverkehr verfallen. Die Fotografie ist mein Hobby und Reisen meine Leidenschaft. Darüber hinaus interessieren mich Fraktale sowie die Astronomie.

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