Gepostet von am 18. März 2009 in langgemachtes, politisches | 4 Kommentare

Eigentlich wollte ich noch etwas zum Amoklauf in Winnenden schreiben, aber inzwischen gibt es dazu zahlreiche Artikel im Web.

Der unrühmliche Auftritt der Medien, die wie nicht anders zu erwarten "Killerspiele", Waffen und das Internet als Ursache ausgemacht haben, spottet jeder Beschreibung, zumal sie auch noch auf einen Fake des angeblich angekündigten Amoklaufs hereingefallen sind. Die hochgelobte Medienkompetenz der Presse landet in der Gosse, wo sie meiner Meinung nach auch hingehört.

Was ich schmerzlich vermisse, sind Beiträge die sich mit den tatsächlichen Ursachen jugendlicher Gewalt befassen. Aber dazu schweigt sich die Presse lieber aus, da hierzu eine etwas intensivere Recherche notwendig wäre, als nur seicht in der leicht zu konsumierenden medialen Grütze rumzurühren.

Das dieser Amoklauf unbestritten eine Tragödie darstellt, wie schon zuvor Erfurt und Emsdetten, muss nicht explizit erwähnt werden. Die Frage die sich jedem stellt ist doch, was veranlasst einen 17-jährigen Jugendlichen aus gutem Elternhaus 15 Menschen zu erschießen und anschließend sich selbst zu richten?

Ich werde mal versuchen, einige Ursachen zu benennen, die ich eigentlich von einem niveauvollen Journalismus erwartet hatte. Mögliche Lösungen stehen in Klammern.

  1. oftmals stehen die Eltern der Erziehung ihrer Kinder gleichgültig gegenüber oder sie sind damit hoffnungslos überfordert
    (Unterstützung durch Eltern, Sozialamt, Freunde oder Nachbarn sowie Selbsthilfegruppen, um sich mit anderen Eltern auszutauschen und voneinander zu lernen. Manche Eltern sind z.T. selbst noch Kinder und brauchen die Unterstützung ihrer Eltern.)
  2. Eltern reden zu wenig mit ihren Kindern, kennen ihre Probleme und Ängste nicht
    (Eltern müssen sich stärker für die Belange der Kinder interessieren, mit ihnen über ihre persönlichen und schulischen Probleme reden und ihnen Lösungswege aufzeigen. Damit lassen sich auch Interessen und Neigungen erkennen und gezielt fördern.)
  3. Kinder und Jugendliche vermissen die Bestätigung und Förderung ihrer Fähigkeiten und Talente
    (Eltern müssen die Talente ihrer Kinder erkennen und fördern, ihnen den Zugang zu entsprechenden Material und Fördervereinen ebnen, sie loben und ihnen zeigen, dass sie stolz auf sie sind. Schulen sollten diese Talente nutzen, um gemeinsam mit ihnen schwächere Schüler zu unterstützen, z.B. durch Lerngruppen. Das Ansehen und Selbstwertgefühl dieser Jugendlichen wird dadurch gestärkt und schwächere finden einen besseren Zugang, da er einer von ihnen ist.)
  4. unzureichende Vermittlung von moralischen Grundwerten und Respekt gegenüber anderen
    (Eltern sollten ihren Kindern mehr Verantwortung übertragen, z.B. ihnen Aufgaben im Haushalt geben, den Geschwistern bei den Hausaufgaben helfen oder für ein Haustier sorgen.)
  5. fehlende oder unzureichende Freizeitaktivitäten für Kinder und Jugendliche
    (Die finanzielle Unterstützungen von Freizeitaktivitäten sind in vielen Kommunen gestrichen oder eingeschränkt worden. Hier muss in Zukunft wieder mehr investiert und die Angebote deutlich vergrößert werden. Die Nutzung dieser Freizeitaktivitäten sollte für Jugendlich bis 18 Jahre kostenlos sein. Damit kann jeder uneingeschränkt diese Angebote zu nutzen. Einer Gesellschaft sollte es ihren Kindern wert sein.)
  6. die beruflichen Perspektiven für Jugendliche sehen meist schlecht aus und damit haben sie keine Zukunft
    (Die Lehrstellen- und Arbeitsmarktsituation muss dringend verbessert werden. Betriebe die Jugendliche ausbilden, müssen stärker in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt und gefördert werden.)
  7. Mobbing an den Schulen, weil sie sich bspw. keine Markenklamotten leisten können oder Migrationshintergrund haben
    (Schulen sollten Schuluniformen einführen, um Hänseleien bezüglich Markensachen ein für alle mal zu unterbinden. Mobbing muss stärker bestraft und die Arbeit von Schulpsychologen intensiviert werden, um Opfer zu helfen und nicht im Stich zu lassen. Ausländische Schüler sollten über Lerngruppen, siehe oben, stärker gefördert werden und man sollte ihnen auch die Möglichkeit aufzeigen, anderen Schülern ihre Muttersprache näher zu bringen. Ggegenseitiger Sprachaustausch sozusagen.)
  8. ständiger Druck, vor Freunden und Eltern zu versagen
    (Den Jugendlichen muss von Seiten des Elternhauses und der Schule vermittelt werden, dass das Erreichen von Zielen in kleinen Schritten erfolgt und sie auch mit Rückschlägen rechnen müssen. Wissen erlangt man nicht über Nacht.)
  9. die Gesellschaft lebt ein schlechtes Leitbild vor, es zählt nur der Beste (Eliten) und Gierige, alle anderen erscheinen ihr völlig irrelevant
    (Eine Gesellschaft besteht aus einem bunt zusammengewürfelten Haufen Menschen mit einem unterschiedlichem Leistungsniveau, dennoch sind sie für eine funktionierende Gesellschaft unverzichtbar. Der Zugang zu Bildungseinrichtungen muss jedem offen stehen, unabhängig von seinem gesellschaftlichen Status. Studiengebühren und Eliteuniversitäten sollten abgeschafft werden, sie verstärken eher diese Diskrepanz. Das Fehlverhalten von gierigen Managern muss von der Gesellschaft stärker sanktioniert werden, um nicht das Gefühl der Ohnmacht und Resignation in der Bevölkerung aufkommen zu lassen.)

Natürlich könnte ich noch weitere Punkte aufzählen, aber ich wollte die Liste nicht ins Endlose wachsen lassen. Die Punkte "Killerspiele", Waffen und Internet habe ich ganz bewusst nicht erwähnt, da sie meiner Ansicht nach eher sekundär sind und nicht das Hauptproblem darstellen.

Sofern jemandem noch weitere mögliche Ursachen und dazugehörige Lösungen einfallen, immer her damit. Ich füge sie dann dieser Liste bei.

Fakt ist, dass die Gesellschaft stärker als bisher einen entscheidenden Einfluss auf die Politik nehmen muss. Wir können es uns nicht leisten, Jugendliche gnadenlos durch das Raster dieser profitgierigen Gesellschaft fallen zu lassen, so dass ihnen als einziger Ausweg ein Abgang mit einem großen Knall erscheint.

Wir müssen ihnen das Gefühl vermitteln, gebraucht zu werden. Ansonsten stellt sich nicht die Frage ob es einen neuen Amoklauf gibt, sondern wann der Nächste sein wird.

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Autorfoto
Oliver Konow
Ich bin 51 und beruflich dem Hochgeschwindigkeitsverkehr verfallen. Die Fotografie ist mein Hobby und Reisen meine Leidenschaft. Darüber hinaus interessieren mich Fraktale sowie die Astronomie.

4 Kommentare

  1. Icon Welt
    19. März 2009

    Endlich mal ein konstruktiver Beitrag zu der Sache! War diese Ego-Shooter-Litanei auch mehr als leid. Sehr gute Gedanken. Danke!

  2. Icon Welt
    19. März 2009

    In der Tat, ich muß sagen, das ist wirklich konstruktiv. Sinnvolle, ursachenorientierte Analysen sind eher rar.

  3. Icon Welt
    20. März 2009

    Hallo Oliver,
    deine Aufstellung von Ursachen und möglichen Abhilfen gefällt mir ausgesprochen gut und ich würde sie gerne auf unsere Schulhomepage zur Diskussion stellen. Ein Link zu deinem Beitrag und ein Verweis auf dich, würde natürlich nicht fehlen. Wenn es recht ist, würde ich auch auf deinen Beruf und deine Motivation hinweisen, dich mit diesem Thema etwas ausführlicher und konstruktiver zu befassen, als das leider die meisten Medien tun.
    Wäre das ok?
    Ansonsten wünsche ich dir, eine unfallfreie Fahrt! Ich habe einmal einen Bahnsuizid als Fahrgast miterlebt und denke noch oft daran. Wie schlimm muss das als Lokführer sein!
    Lieber Gruß
    Joachim

  4. Icon Oliver
    20. März 2009

    @Björn
    Ich konnte dieses Gesäusel auch nicht mehr hören, deshalb dieser Artikel.

    @Joachim
    Kein Problem, ist okay. Ich würde mich über ein Feedback Eurer Diskussion freuen. Es war beabsichtigt, eine Diskussion in Gang setzten. Aber auch junge Leute in Bezug auf Medien bzw. Politik zu sensibilisieren und deren Veröffentlichungen kritisch zu Hinterfragen. Hier werden die Menschen zu gern manipuliert und gerade junge Leute sind empfänglich dafür.

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